TRAUM

 

I HAVE A DREAM....

….ein legendärer Ausspruch!

 

Nun haben wir alle Träume. Manche träumen etwa gar von einem Gesellschaftssystem, wie es in unserer Bayerischen Verfassung beschrieben wird. Was für realitätsferne Spinner...... 


Und da ist auch der ganz normale nächtliche Traum. Oftmals können wir uns an unsere Träume nicht mehr zurückerinnern. Doch manchmal kann der Traum auch am nächsten Tag weitgehend wiedergegeben werden. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte ich einen solchen Traum. Die grandiose Komik veranlasste mich, ihn hier niederzuschreiben:

 

Nennen wir den Traum Future City


Future City ist nicht besonders groß. In meinem Traum konnte ich Future City mühelos zu Fuß von Ost nach West, von Süd nach Nord durchqueren.

Man kann davon ausgehen, dass in Future City wohl so um die 10.000 bis 15.000 Menschen leben.


Auf meinen Streifzügen durch Future City nahm ich eine Stadt wahr, die an Modernität kaum zu übertreffen ist. Egal ob Wohnhäuser, Firmengebäude oder öffentliche Gebäude: überall glitzernde Glas- und Metallfassaden. Ausschließlich Flachdächer! Die Stadt wirbt mit dem Slogan: „Future City – die 30-jährige Stadt“. Sie können sich vorstellen: für den Tourismus ist es existentiell, dass von diesem Baustil nicht abgewichen wird. Dies stellte ein leitender Beamter der städtischen Bauverwaltung bis zu seiner Pensionierung auch zuverlässig sicher. Gut, er eckte hin und wieder wegen der überhart empfundenen Auflagen bei manchen Bürgern an. So erinnere ich mich an folgenden Fall: ein „Zugezogener“ baute in einem Neubaugebiet ein Holzfenster in seine Garage. Da wurde nicht lange gefackelt: er wurde dazu verpflichtet, das illegale Holzfenster gegen ein Metallfenster mit integrierten farbigen Leuchtkörpern (für die Adventszeit) auszutauschen.

Wer blauäugig nach Future City zieht, der wird für seine Naivität eben bestraft.

Letztendlich wurde das Lebenswerk des aus der Baubehörde ausscheidenden leitenden Beamten auch gekrönt: ein überregionales Nachrichtenmagazin ernannte Future City zur modernsten Stadt Deutschlands. Schön!


Eines Tages - der konsequente Baubeamte war längst in Ruhestand – kam es zu einem handfesten Skandal.

Innerhalb kürzester Zeit wurde ein Neubau errichtet, der so gar nicht zum Stadtbild passen sollte:

aus der Glitzerwelt ragte doch plötzlich ein Turm. Ein Turm wie aus Dornröschen! Kein Glas – kein Metall! Stellen Sie sich vor: der Turm war verputzt! Der Turm hatte Fenster aus Holz! Der Turm hatte noch nicht mal Rollläden: er hatte hölzerne Fensterläden. Und – als wäre das nicht alles schon schlimm genug – er hatte ein Dach, bedeckt mit roten Ziegeln. Von „Frevel“ war die Rede. Von einer „Zeitenwende“. Einigen Wenigen gefiel der Turm sogar. Es gab viele Gerüchte in dieser Zeit. Hinter vorgehaltener Hand äußerten viele Alteingesessene Zweifel an der Zuverlässigkeit der verantwortlichen Politiker und der Baubehörde.

Mehrmals hörte man „wahrscheinlich ein einflussreicher Baulöwe“, „die können sich doch alles erlauben“, „vernetzter Filz“ oder „wer weiß, vielleicht sind die ja sogar käuflich?“.

 

Auf meinen Streifzügen durch Future City wurde ich ständig gegrüßt. Nun gut, ich war bekannt wie ein „bunter Hund“. Ständig suchten irgendwelche Geschäftsleute zu mir Kontakt. Nun empfand ich das jedoch keinesfalls als lästig, sondern als nützlich. Einmal kam ein Herr mit Fliege auf mich zu. Stellen Sie sich vor: der wollte mir die Schuhe putzen! Naja, warum nicht, dachte ich mir! Er hatte mir dann tatsächlich so dolle die Schuhe gewichst, das sich die Sonnenstrahlen drin spiegelten.


An all diese Details meines Traumes kann ich mich erinnern. Leider nicht mehr zuverlässig an meine Funktion in dieser Stadt. Hier tun sich doch etliche Lücken auf. Vielleicht eine Führungsposition in einer öffentlichen Verwaltung? Sicher bin ich mir nicht! Da waren auch immer wieder irgendwelche Nebenjobs. Die spülten natürlich nochmals zusätzliches Geld in meine große Brieftasche. Hin und wieder stand ich am Rednerpult eines öffentlichen (?) Unternehmens. Da gab es immer diese leckeren Schnittchen und Kaffee, Champagner, Glühwein (je nach Jahreszeit). Ich spulte dort halt meine Schallplatte ab: „Leistungsbereitschaft“, „Dienst am Kunden“, „Strukturreformen“, „wir haben schließlich lange genug über unsere Verhältnisse gelebt“...... Ich glaub' das war eine öffentliche Bank. Wahrscheinlich hatte ich dort irgend eine Funktion im Verwaltungsrat? Jedenfalls war ich immer ganz froh, wenn ich diese Sitzungen wieder verlassen konnte. Aber die Leute dort, die waren insgesamt schon ganz O.K.!


Ansonsten war ich begeistertes Mitglied des regionalen Trachtenvereins. Wir waren dort ein super Team und bestens vernetzt mit anderen Trachtenvereinen aus der ganzen Region. Das schöne daran: alle denkbaren Berufsgruppen waren dort vorzufinden. Das empfand ich schon immer in jeglicher Hinsicht als ganz wichtige, wertvolle Stütze. Wir konnten uns immer perfekt aufeinander verlassen. An einzelne „Gesichter“ kann ich mich nun aber leider nicht mehr wirklich erinnern. Ich meine, da war im Traum doch ziemlich verschwommen eine Person mit Lederhose und einem weißen T-Shirt. Was ich noch in Erinnerung habe: auf dem T-Shirt war ein Paragraph aufgedruckt? Oder war das ein Fragezeichen? Komisch, finden Sie nicht? Der hatte eine Brille, so eine Art Bürstenhaarschnitt und irgendwie auch markante Gesichtszüge.

 

Sehr gerne waren natürlich Förderer des Trachtenvereins gesehen. Ein besonders herzliches Verhältnis entwickelte ich daher zu zwei Managern der örtlichen XY-Bank. Das waren tolle Typen: die sponserten unseren Trachtenverein doch in schöner Regelmäßigkeit. Man konnte sich auf sie verlassen. Und so wuchsen mir die beiden natürlich immer mehr ans Herz. Ja, da ist schon was dran an dem Sprichwort: „der Banker blieb mir im Sturme treu der Hund nicht mal im Winde“.

 

Aus irgendwelchen Gründen, war ich befugt, die Stadträte und Bürgermeister von Future City zu verschulden! Ist das nicht völlig verrückt? Aber so war das im Traum! Das ging so einfach, so spielerisch einfach!

Nach und nach summierten sich die Schulden der Bürgermeister und Stadträte auf über 20 Millionen Euro. Aber was will man machen? Sie kennen doch die Zwänge! TINA: there is no alternative! Und außerdem – ich gebe es gerne zu – das machte auch eine ganze Menge Spaß, Kredite für fremde Leute aufzunehmen. Meine Freunde der XY-Bank gaben mir immer das Gefühl, wertvoll und wichtig zu sein. Und so ging ich eben meistens zur XY-Bank. Ich zweifelte keinen Augenblick - das sind korrekte Personen. Moralisch mindestens einwandfrei. Und da die beiden es immer gut mit mir und meinem Trachtenverein meinten, hatte ich natürlich volles Vertrauen zu diesen beiden super Typen. Sie legten mir neue Kreditverträge vor und versicherten mir, das seien Top-Konditionen. Natürlich unterschrieb ich immer umgehend! Wozu denn Konditionen vergleichen? Es gab keine besseren Konditionen! Meine Freunde sind ehrbare Kaufleute! Und natürlich wollte ich mich auch nicht vor den beiden zum Narren machen. Stellen Sie sich doch mal vor: im Januar sponserten die beiden noch eine Veranstaltung meines Trachtenvereins. Und im Februar – es ging um einen neuen Schuldenblock – da soll ich dann mit den beiden groß verhandeln? Nö, ich mach mich doch nicht zum Deppen! Fakt ist: alles hatte immer seine beste Ordnung! Basta!


Wie bereits erwähnt: die Verschuldung konnte spielerisch einfach immer weiter in die Höhe getrieben werden. Viele Stadträte wirkten auf mich antriebslos und stark verängstigt / eingeschüchtert. Im Grunde genommen galt das auch für die Bürgermeister.

Einzig der Hauptbürgermeister hatte seinen eigenen Kopf. Der wusste schon, was er wollte – und so bekam er das auch immer. Die Bürger von Future City wussten schon, warum sie ihm wiederholt das Vertrauen schenkten. Aber da gab es ja auch keine Gegenkandidaten. Schon eine ganz spezielle Form der „Demokratie“. Finden Sie nicht auch?

 

Eines Tages schrieb mich der Hauptbürgermeister völlig überraschend an. Stellen Sie sich vor, er wagte es doch tatsächlich, mir unangenehme Fragen zur Verschuldung zu stellen. Er wollte von mir wissen:

 

Entwicklung der Schulden 1950-2013?

Konditionen und Gläubigerstruktur:

Welche Zinssätze werden für die Gesamtschulden aktuell verrechnet?

Genauer: zu welchen Konditionen sind Stadträte und Bürgermeister aktuell bei welchem Gläubiger verschuldet (welcher Betrag bei welchem Gläubiger zu welchen Konditionen)?


Nun können Sie sich sicherlich vorstellen, dass mich diese unerträgliche Schnüffelei schon mehr als überrascht – ja, sagen wir verärgert – hatte!

Am gleichen Tag stand noch ein Treff mit einigen meiner Freunde des Trachtenvereins an. Bei einem sehr guten Glas Wein sprach ich die Anfrage des Bürgermeisters kurz an. Meine Freunde stimmten mit mir überein, man solle mit dreisten Anfragen dieser Art umgehen wie gewohnt. Man solle auf die üblichen Textbausteine zurückgreifen, die sich doch immer sehr gut bewährt hatten. Nichts geht über gute Freunde. Wir wechselten dann sehr schnell unsere Gesprächsthemen – wir wandten uns den wichtigen – monetären - Dingen zu!

 

Am nächsten Tag beauftragte ich meinen Sekretär, die Anfrage des Bürgermeisters zu beantworten.

Und so schrieb er, wie von mir angewiesen:

 

Sehr geehrter Herr Hauptbürgermeister,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Was Ihre Anfrage bezüglich der „Schuldenentwicklung Bürgermeister und Stadträte“ betrifft:

Für diesen Zeitraum ist eine Darstellung nicht möglich. Sie verursacht einen nicht vertretbaren Arbeitsaufwand.

Zu den Konditionen und zur Gläubigerstruktur:

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ich hierüber keine Auskünfte geben kann.

Mit den allerbesten Grüßen

 

Dann wachte ich auf. Mein Traum endete an dieser Stelle.

Schon merkwürdig, was man doch manchmal für Blödsinn träumt, dachte ich mir. Es war schon fast 6 Uhr, und so stand ich dann auch gleich auf.

Noch beim Frühstück machte ich mir erste Notizen.....

 

 

21.02.2015