Reisebericht Absurdistan – Herbst 2014


Heute möchte ich über meine Reise nach Absurdistan berichten. Zugegeben: 14 Tage in einem gespaltenen Land, das ist nicht viel Zeit. Doch ausreichend, um die dortige Lage grob zu beschreiben. Zumal es mir gelungen ist, gängige „ausgetretene Pfade“ zu verlassen.


Schon vor Reisebeginn wussten wir: große Trockenheit – Feuer über das gesamte Land verteilt – kaum Löschwasser.

Beim Flug über Absurdistan sahen wir bereits unzählige Feuer. Zwischendurch aber auch etliche grüne, wasserreiche Oasen. Nach etwa 5 Stunden Flugzeit landeten wir in der Provinz Absurda – knapp 180.000 Menschen leben dort.

Das Flughafengelände war begrünt (Kunstrasen?), es roch leicht nach Rauch. Auf dem Weg zum Hotel wurde die Vegetation immer prächtiger. Je näher wir an unser Ziel kamen, desto paradiesischer wurde die Umgebung. Zahlreiche Seen und Gebirgszüge mit gewaltigen Wasserfällen konnten wir bestaunen. Eine Mitarbeiterin der Tourismusbehörde begleitete uns im Bus. Sie gab uns klare Anweisungen, die wir unbedingt einhalten sollten. Unser Hotel „Papa Thereso“ steht auf Großgrundbesitz. Wir sollten das weitläufige parkähnliche Grundstück auf keinem Fall verlassen. Abseits der grünen Oase könne nicht für unsere Sicherheit garantiert werden. Wir sollten die zahlreichen Feuer – abseits unseres Zuhauses – nicht unterschätzen!


Unser Hotel ließ keine Wünsche offen: sensationelle Poollandschaften, großes Angebot an Wassersport. Mehrere Golfplätze und gepflegte Rasenflächen für Polo. Permanent werden die weitläufigen Rasenflächen künstlich bewässert. Unser Gastgeber, Großgrundbesitzer und Hotelier Togrul R. (Name geändert), ein echter Lebemann. Doch ihn alleine darauf zu reduzieren, das wäre unfair! Er übernimmt vorbildlich und uneigennützig Verantwortung für die Provinz Absurda.

„Absurda TV“ und die regionale Tageszeitung „The Dayly Telefax“ berichteten mehrfach: so stellte er dem muslimischen Kindergarten der Provinzhauptstadt Rauchschutzmasken im Wert von 1500,-- Lira zur Verfügung. Mit besorgtem Blick gab er „Absurda TV“ bekannt: „wir betrachten die Unterstützung des muslimischen Kindergartens als eine Selbstverständlichkeit. Unser Staat zieht sich leider zunehmend aus sehr vielen Bereichen zurück. Wir bedauern das sehr. Dieser staatliche Rückzug reißt viele Löcher. Es ist nicht einfach, diese Löcher zu stopfen. Es wäre jedenfalls sehr wünschenswert, dass der Staat die Kindergärten noch besser mit Rauchschutzmasken ausstatten würde.“

Auch im Empfangsbereich des Hotels konnten wir uns von der Qualität unseres Gastgebers überzeugen. Für alle Gäste gut einsehbar eine gerahmte Urkunde des Hotellerie-Verbandes. Dort wird ihm in goldenen Lettern bestätigt, er sei ein ehrbarer Hotelier und Geschäftsmann. Wir waren begeistert. Wir fühlten uns wohl. Wir wussten: wir befinden uns am bestmöglichen Ort Absurdistans!


Die erste Woche verbrachten wir nur mit Relaxen! Wir lagen am Pool, vergnügten uns in den zahlreichen Clubs, wir genossen das erstklassige Essen (internationale Küche). In Erinnerung bleibt mir auch ein Konzert des Provinzratchors. Zahlreiche absurdische Provinzräte hatten sich zu einem Chor zusammengefunden. Sie konnten bereits 125.000 Lira einsingen. So konnten 12.500 Rauchschutzmasken für Grundschüler angeschafft werden. Eine prima Sache! Zufällig stand der Hotelmanager in meiner Nähe. Er erklärte mir, wie der Kontakt zum Provinzratchor zustande kam: mehrere Provinzräte sind Mitglieder des Rotary Clubs. Auch Togrul R. ist Mitglied. Man kennt sich – man schätzt sich! Der Hotelmanager war sehr offen. Wir plauderten eine ganze Weile. Er empfahl mir eine weitere Veranstaltung. Am Wochenende würde der Marinechor Sewastopol im Hotel-Theater ein Gastspiel geben. Als Mitglied des Lions Club Absurda habe er diese Veranstaltung organisiert. Vom Erlös des Konzertes wolle er Rauchschutzmasken für eine Förderschule anschaffen. Großartig, dachte ich mir.


Am Wochenende herrschte Hochbetrieb auf dem weitläufigen Hotelgelände. Mehrere Helikopter landeten nebenan. Zahlreiche Limousinen fuhren vor. Alle mit dem KFZ-Kennzeichen der Provinzhauptstadt. Bereits am Vormittag begannen dann die Polo- und Golfturniere. Zahlreiche Medienleute waren präsent. Den Journalisten von „Absurda TV“ und „The Dayly Telefax“ wurden feinste Speisen bereitgestellt. Man kennt sich – man schätzt sich!


Am Abend dann das großartige Konzert des Marinechor Sewastopol. Auch einige Ehrengäste waren in der ersten Reihe zu sehen. Wahrscheinlich Golfspieler aus der Provinzhauptstadt (die Helikopter flogen alle bereits zurück). Ja, Sie können sich sicherlich vorstellen: der Wodka floss in Strömen. Was man da alles beobachten konnte........!

In den frühen Morgenstunden verließ ich die Veranstaltung mit schwankendem Gang. Orientierungslos suchte ich mein Zimmer auf dem Flur. Ist das überhaupt mein Flur? Ich stand plötzlich vor einer großen Tür. Die Tür war mit dem Schild „Filzerei & Seilerei“ versehen. Der Wodka hatte mir zugesetzt – ich irrte zurück, da hörte ich kräftige Stimmen: „Security, was haben Sie hier zu suchen?“ Bis ich mich umsah, zerrten mich zwei Wachleute aus dem Gebäude. Sie schienen selbst leicht angetrunken und so belehrten sie mich relativ human: ich solle dieses Gebäude auf keinem Fall mehr betreten! Es handele sich um Privat- und Büroräume welche für wichtige Empfänge genutzt werden. Irgendwie kam ich dann doch auf mein Zimmer. Ich schlief bis in die Mittagsstunden.

Auf dem Weg zum „Frühstück“ passierte ich ein Fernsehgerät. „Absurda TV“ berichtete bereits sehr ausführlich über die gestrige Veranstaltung. Togrul R., der Hotelmanager, der stellvertretende Provinzrat und weitere, mir unbekannte Personen hielten einen überdimensionierten Spendenscheck in die Kamera. „Man tut, was man kann – es ist uns eine große Ehre“, sprach der Hotelmanager ins Mikrofon. Direkt im Anschluss kam eine Reportage über die Förderschule. Die Rektorin zeigte sich begeistert: „Ja, die Rauchschutzmasken werden für unsere Kinder und Lehrer dringend benötigt. Wir alle sind dem Lions Club sehr, sehr dankbar“. Gegen Ende der Reportage sang ein etwa 8-jähriges Mädchen ein heimisches Volkslied. Es ging um Dankbarkeit. In großen Lettern wurden die Namen der Lions-Club-Mitglieder eingeblendet. Toll, dachte auch ich mir: die tun was!


Die erste Woche meines Aufenthaltes neigte sich dem Ende zu. Diese Woche des Ausspannens hatte ich mir verdient. Doch die verbleibende Woche wollte ich aktiver gestalten. So unternahm ich lange Spaziergänge in dieser wunderschönen grünen Oase. Mehrfach kam ich an einem etwas Abseits liegenden Golfplatz vorbei. Spaziergänger kamen offenbar nur sehr selten in diese Gegend. Nach und nach kam ich in Kontakt mit einem Greenkeeper. War er Anfangs noch sehr verschlossen, so ergaben sich bald aufschlussreiche Gespräche. So erfuhr ich von ihm, dass er hier in Teilzeit arbeite. Er verdient offenbar 5,25 Lira in der Stunde. Der ihm zugewiesene Bereich der Platzpflege muss in 6 Stunden erledigt werden (Soll). Die geforderte perfekte Platzpflege erfordert tatsächlich jedoch mindestens 8 Stunden Arbeitszeit. Arbeitszeiten über 6 Stunden hinaus bekomme er nicht vergütet. Er müsse eben schneller arbeiten, wurde ihm gesagt. Immerhin hat die Regierung nun reagiert. Es soll ein Mindestlohn in Höhe von 8,50 Lira eingeführt werden. Für die Platzpflege werden dann nur noch 4 Stunden erforderlich sein (neues bezahltes Soll). Dies sagte ihm der Bereichsleiter der Servicegesellschaft.


Der Greenkeeper vertraute mir nach und nach immer mehr. Und so gelang es mir mit seiner Hilfe den Bezirk des Großgrundbesitzers zu verlassen. Unter der Voraussetzung, dass ich mir Arbeitskleidung anziehe, nahm er mich mit zur Busstation. Von dort aus fuhren wir dann in sein Heimatdorf. Eine spannende Zeit sollte mich erwarten.


Wir passierten einen großen See. Ein Wasserkraftwerk erzeugt dort Strom. An der Grenze sah ich große Ventilatoren. Sie halten Rauch von der grünen Oase fern. Wir fuhren aus der Oase hinaus. Bereits nach wenigen Metern veränderte sich die Landschaft sehr stark. Das reichlich vorhandene Grün blieb aus. Das Land wurde immer trockener. Ein beißender Geruch von Rauch machte das Atmen zur Tortur. Wir passierten mehrere Feuer. Auch dort wo es nicht brannte, waren große Teile des Landes verkohlt.

Nach etwa 90 Minuten erreichten wir das Dorf. Es befand sich in einem Talkessel. Um das Dorf herum eine unwirkliche Landschaft aus trockenem Gebüsch und schwarzer verkohlter Erde. Zwischendurch zaghaftes Grün: der Versuch von Landwirtschaft.


Die Familie des Greenkeepers Etibar (Name geändert) empfing mich sehr freundlich. Sie war sehr überrascht – Etibar hatte den Besuch nicht angekündigt. Zu groß war seine Furcht vor Überwachung. In den nächsten knapp 24 Stunden sollte ich ein anderes Absurdistan kennenlernen.


Die Familie wohnt in bescheidenen Verhältnissen. Zum Abendessen bekam ich Fladenbrot, eine Scheibe Rauchfleisch und Räucherkäse.

Die Familie war sehr zurückhaltend. Gespräche gingen kaum über Small-Talk hinaus. Als sie erfuhren, dass ich aus Deutschland stamme, freuten sie sich. Etibars Vater lachte und sagte: „ah Deutschland: Beckenbauer, Hitler, Merkel“. Ich musste schmunzeln – auch wegen der Reihenfolge. Wir gingen früh schlafen. Nachts hörte ich immer wieder das Heulen von Sirenen.

Am nächsten Tag streiften wir durchs Dorf. Es waren insgesamt schöne Häuser. Man konnte sehen, dass es für das Dorf schon bessere Zeiten gab. Ja, das Dorf war schön! Unter den Rußschichten der Häuser verbargen sich verschiedene Farben. Das Dorf hatte einst gestrahlt – dies versicherten mir auch Etibars Eltern.


Es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ein Fremder im Dorf sei. Etibar führte mich um die Mittagszeit zu einem Freund der Familie: Rasul (Name geändert). Rasul, wohl so um die 70, war früher Geologe am staatlichen Gesundheitsamt. Das war noch unter der früheren Regierung bis 1990, also vor dem großen ökonomischen Putsch. Er erzählte von riesigen Wasservorkommen. Sogenannte Strukturreformen führten ab 1991 dazu, dass luxuriöse Hotelanlagen und Sportanlagen um die Seen herum errichtet wurden. Diese wertvollen wasserreichen Gebiete gelangten in Privatbesitz. Die neue Regierung Absurdistans musste dringend Geld auftreiben, auch um ein Raumfahrtprojekt zu finanzieren. Man sagte den Bürgern, das sei alternativlos. So wurden 14 wasserreiche Gebiete an Privatinvestoren günstig verkauft. Alle Käufer hatten beste Kontakte zur neuen Regierung. Man müsse bedenken: die Wahlkämpfe kosten ein Vermögen und müssen finanziert werden. Ein einziger großer See blieb in Staatsbesitz. Doch auch dieses wertvolle Wasser wird von staatlichen Stellen überwiegend an Großgrundbesitzer verschenkt. Laut Rasul verfügen diese Oligarchen bereits über mehr Wasser, als sie jemals verbrauchen können. Nun bunkern sie also zusätzlich staatliches Wasser! Es ist absurd: dort wird es nicht benötigt - die Feuerwehren wären dankbar um jeden zusätzlichen Wassertropfen!


Rasul schaltete das Fernsehgerät ein. Nach wenigen Minuten kam eine Zusammenfassung einer Rede des Staatsoberhauptes. Er ging – wie so oft – auf den Wassernotstand ein. Er versicherte entschlossen. „Das Problem sei erkannt. Projektgruppen wurden bereits 2001 gebildet. Alles brauche seine Zeit. Den Bürgern der Republik Absurdistan sollte jedoch auch klar sein, dass die Regierung keine Wunder vollbringen könne. Da ist zum einen der Klimawandel und zum anderen müssten die Bürger endlich begreifen, dass es auf Dauer nicht möglich sei, über die Verhältnisse zu leben! Die Feuerwehren führen landesweit einen heldenhaften Kampf!“


Dann kam Rasul auf die Feuerschutzbehörde zu sprechen. Drei Feuerwehrstützpunkte waren nicht länger finanzierbar – sie sind längst geschlossen. Die weiter bestehenden Feuerwehren wurden zu einem Brandschutzverbund zusammengeschlossen. Es sollten dadurch Doppelstrukturen abgebaut werden und massiv Kosten eingespart werden. Der Verbund heißt nun „ABregioFeuerwehr“.

Rasul gelang es, eine Verwaltungsratssitzung für einige Minuten zu beobachten. Er konnte sich an das Verwaltungsgebäude in der Provinzhauptstadt heranschleichen und einige Fotos der Verwaltungsräte knipsen. 9 der 12 Verwaltungsräte gehör(t)en den neuen Regierungen nach 1990 an. Dann zeigte er mir die Fotos. Ich war mehr als überrascht. Mehrere dieser Verwaltungsräte saßen beim Konzert des Marinechors Sewastopol in der vordersten Reihe. Und was mir damals aufgefallen war, beinahe hätte ich es vergessen: diese Ehrengäste hatten hinter ihren Ohren Streichhölzer stecken. Zumindest sah das aus der Entfernung so aus.

Langsam schlich sich in mir ein ungeheurer Verdacht ein: Die meisten Verwaltungsräte der „ABregioFeuerwehr“ gehören Parteien an, die nach 1990 an der Regierung beteiligt waren bzw. aktuell sind. Diese Verwaltungsräte stützen also die Politik des knappen Wassers, obwohl es Absurdistan an Wasser nicht mangelt. Sitzen im Verwaltungsrat der „ABregioFeuerwehr“ also mehrheitlich Brandstifter?


Der Tag verflog. Ich musste zur Busstation. Also bedankte ich mich für die großartige Gastfreundschaft und verabschiedete mich von meinen Gastgebern. Um 18.00 fuhr ich zurück in die grüne Oase.


Es waren nun nur noch wenige Tage, die ich dort verbrachte. So lag ich weiter am Pool, doch so richtig genießen konnte ich meinen verbleibenden Aufenthalt nicht mehr.


Auch auf dem Rückflug beschäftigten mich meine Erlebnisse. Wer konnte mir garantieren, dass die Schilderungen Rasuls auch wirklich der Wahrheit entsprechen? Niemand! Allerlei unsinnige Verschwörungstheorien werden auch im demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland verbreitet.


Ich freute mich dann tatsächlich sehr, als ich wieder deutschen Boden unter meinen Füßen hatte. Hier bin ich gut aufgehoben, dachte ich mir. Unsere politisch Verantwortlichen widmen ihre ganze Kraft dem Wohle des deutschen Volkes. Sie halten Schaden von ihm fern! Ja, sie leisten gar einen Eid:

„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“


Nach meinen Urlaubserfahrungen weiß ich mehr denn je: Deutschland, einig Vaterland – hier ist mein Zuhause!


Ausblick:


Zunächst gilt es, etwa 10.000 Reisefotos zu sortieren.

Dann will ich einen Diavortrag ausarbeiten. Premiere könnte im Schrannensaal unserer schönen Stadt sein (Frühjahr / Sommer 2015?). Vielleicht gelingt es mir, den Bürgermeisterchor zu engagieren. Der Erlös der Veranstaltung könnte an den „Förderverein Dinkelsbühler Krankenhaus“ gehen. Das Geld wird dort dringend benötigt (miserable Rahmenbedingungen der Krankenhausfinanzierung insgesamt).

Sehr herzlich eingeladen sind die beiden Landräte Dr. Jürgen Ludwig und Kurt Unger. Ebenfalls sehr herzlich eingeladen sind die Bürgermeister und Stadträte unserer schönen Stadt. Es gibt leckere Schnittchen (natürlich gratis, so wie sich das gehört)!

Herzliche Einladung auch an regionale TV-Sender, Radio 8 und an die FLZ. Man kennt sich – man schätzt sich?


26.12.2014